Digitale Bildbearbeitung

Viele Menschen glauben, die Bildbearbeitung à la Photoshop gibt es erst seit der digitalen Fotografie. Manche wissen zwar, dass man im Film-Zeitalter auch gewisse Möglichkeiten der Nachbesserung hatte, jedoch ist es tatsächlich so, dass schon seit Beginn der Fotografie relativ tiefgreifende Bildbearbeitungsmethoden existieren.

 

Hierzu möchte ich drei Beispiele anführen:

Gustave LeGray
Gustave LeGray

1. Mehrfachbelichtung (HDR)

 

Grob erklärt, wird mit einer digitalen Kamera auf einem Stativ ein und dasselbe Motiv mit unterschiedlichen Belichtungseinstellungen aufgenommen und "übereinandergelegt". Heutzutage werden so besondere Looks erzeugt oder Motive bei schwierigen Lichtverhältnissen möglichst perfekt und ausgewogen dargestellt.

Je unterschiedlicher Licht- und Schattenbereiche sind, desto schwerer ist es alles korrekt zu belichten. Schon in den 1850ern hatte Gustave le Gray das Problem bei seinen Landschaftsaufnahmen. War der Himmel korrekt belichtet, ist das Land darunter zu dunkel gewesen und umgekehrt. Der Dynamikumfang des Aufnahmemediums war begrenzt und konnte nicht alle Informationen aufnehmen. 

Die Lösung war, zwei Aufnahmen mit der jeweiligen korrekten Belichtung zu machen. Beim Entwickeln wurden diese beiden Bilder miteinander kombiniert. Auf Details dieses Entwicklungsprozesses verzichte ich hier.

 

Das Verfahren ist also keineswegs neu, sondern wurde durch den Computer nur sehr vereinfacht.

2. Fotomontage

 

"Das ist doch gephotoshopped!" ist ein oft gesagter Satz. Es nähme überhand und früher war das alles besser, weil die Fotos "echt" waren. Leider bei weitem nicht alle. Das Entfernen von Fehlern oder ablenkenden Elementen ist auch in der analogen Fotografie schon möglich gewesen.

Eines der sehr bekannten Beispiele:

 

In den 1860ern wurde eine Fotomontage von US-Präsident Abraham Lincoln angefertigt. Es hatte den Anschein, dass Lincolns Statur nicht imposant genug war. Also wurde sein Kopf in das Portrait eines anderen Politikers gesetzt. Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist dies zwar einfacher geworden, aber neu ist auch diese Technik nicht.

Ansel Adams
Ansel Adams

3. Dodge & Burn

      

Im Zuge des Abwedelns und Nachbelichtens muss man wohl als einen der Bekanntesten Entwickler Ansel Adams nennen. Für seine Landschaftsaufnahmen hat er ein speziell definiertes System entwickelt mit dem er festgelegt hat, welche Bereiche eines Fotos, wie stark aufgehellt und abgedunkelt werden sollten. Zur Führung des Auges im Foto spielen diese Veränderungen eine wichtige Rolle. Sie bieten die Möglichkeit, Fotos einen individuellen Look zu verleihen oder auch besondere Effekte zu erzielen. Diese Methode ist seit über hundert Jahren im Gebrauch. Auch hier brachte die digitale Bearbeitung nur eine starke Vereinfachung in der Umsetzung. Aber es ist nichts Neues.

Das waren jetzt nur drei Beispiele von Bildbearbeitungsmethoden, die nicht erst seit dem digitalen Zeitalter existieren. Ohne weiter ins Detail zu gehen kann man feststellen: 

 

Ein Foto bildet nie “die Realität” ab!

Ein Foto ist die Interpretation des Fotografen. 

Oftmals ist eine Nachbesserung nicht nur legitim, sondern auch notwendig, da die Kamera vielleicht gar nicht das Gesehene einfangen konnte.

 

Nachbesserung bei Farbe, Kontrast, Schärfe/Unschärfe, Helligkeit usw. sind gängige Praxis und keine Frage von "soll ich?". Eine RAW-Datei aus der Kamera ist, ähnlich einem Negativ, ein unfertiges Bild. Ist die Kamera auf JPEG eingestellt, dann übernimmt sozusagen die Kamera bzw. dessen Hersteller die Interpretation des Bildes. Damit beschneidet sich der Fotograf in seinen Möglichkeiten. 


Ist die Datei in einem RAW-Konverter fertig entwickelt, kann es aber noch weiter gehen. Photoshop kann die Realität völlig verändern. Die Frage ist: Darf man das? 

Damit muss sich jeder Fotograf ernsthaft auseinandersetzen.

In der Modebranche werden riesige Plakate von Models gemacht. Es ist logisch, dass jede noch so kleine Hautunreinheit entfernt wird, weil in dieser übernatürlichen Größe alles sichtbar wird. Es ist aber etwas Anderes, wenn routinemäßig Menschen über die Maße schlanker gemacht werden und dadurch eine falsche Realität geschaffen werden.

 

Alles muss verhältnismäßig bleiben. Über die richtig gesetzte rote Linie kann man diskutieren, aber über die möglichen Folgen der verzerrten Darstellung der Realität sollte sich jeder Fotograf bewusst sein.